Krabbenfischen in Nordfriesland

Liawer duad üüs slaaw / Lieber tot als Sklave

Max E. Blunier

Es regnet auch im Paradies

Eine Reise zu den Krabbenfischern nach Nordfriesland Tönning( Schleswig – Holstein).

Zwei Nordfriesische Fischer sitzen an der Theke. Vor jedem steht ein Glas Bier und ein Klarer. Die zwei schweigen sich über eine Stunde an. Zum Nachbestellen heben sie abwechslungsweise zwei Finger auf, was eigentlich landesüblich ist und auf Plattdeutsch heisst: „  Bring mi noch’n Lüt un Lütt „! (Ein Bier und einen Klaren). Nach fast zwei Stunden sagt der eine der beiden Schweigenden:“ Hm, hmmm, t’jaaaaa, neeeech!“ Darauf der andere :“Was sabbelst du oooch heute wedder so viel Züüg !“ Darauf ist die Konversation beendet, so sind sie, die Friesen kurz und bündig. Man braucht nicht viele Worte, um sich zu verständigen, „ man wees et ja schoon.“

Geprägt durch die Geschichte und die vielen Rückschläge durch die raue Nordsee entwickelte

sich ein stolzer Menschenschlag, wortkarg mit einem trockenen liebenswerten Humor.

„Lever duad üs slaw“

steht als Leitspruch auf der Nordfriesischen Flagge.

Ich wollte sie schon lange  besuchen, die legendären Krabbenfänger oben in Nordfriesland. Entlang der Küste von Bunsbüttel,  Büsum, Meldorf,  Tönning und Husum bis hinauf an die dänische Grenze, mitten durchs Land des Schimmelrieder. Leider wurde das Vorhaben durch einen Unfall im letzten Jahr verhindert. Jetzt folgten wir der Einladung von Hildegard und Jürgen Kullmann und sind am 22.05  losgefahren Richtung Kassel. Dort verliessen wir die  Kamikaze-Strecke der Schumacher-Jünger und suchten uns ein ruhigeres Gewässer (Strasse).Entlang der Weser fuhren wir auf der deutschen Märchenstrasse Richtung Norden weiter,  begleitet ab und zu von einem Sonnenstrahl, der durch kräftige Regenschauer verdrängt wurde und uns auf besseres Wetter hoffen liess.

Gesättigt mit Erde und Schlamm durch den anhaltenden  Regen der letzten Tage, hatte sich die Weser wie eine dicke Ader durch die Landschaft gepflügt. Sich da und dort eine kurze Abkürzung über eine grüne Wiese oder frisch angesätes Feld erlaubt. Um gesättigt mit Schlamm und Kies eine Spur der Verwüstung hinterlassend sich wieder ins alte Flussbett zu begeben

Wir waren mitten drin in der Märchenwelt der Gebrüder Grimm, fuhren durch Dörfer mit anmutigen alten Fachwerkhäusern. Ab und zu querte ausserhalb der Dörfer hoppelnd ein Hase unseren Weg, um sich erschrocken im Dickicht zu verbergen. In saftigen Wiesen liegend, blickte uns wiederkäuend und gelangweilt das „hornlose“ Vieh nach. Beraubt seines stolzen Kopfschmuckes durch profitgierige, menschliche Hand.

In der Stadt Höxter bezogen wir im Märchenhotel „ Stadt Höxter“unser erstes Nachtlager.

„Es ist gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss!“

stand gross in zierlicher Schrift an der Wand des Zimmers.  Wir sind gespannt, ob auch hier Stroh zu Gold gesponnen wird ? Nach einem herrlichen Nachtessen mit „goldigen“ Spargeln aus der Region, Salzkartoffeln und Sauce Hollandaise erkundeten wir bei einem kleinen Spaziergang die schöne Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern.

Müde nach der langen Fahrt, aber gesättigt, hörten wir kurz vor dem Einschlafen im Bett das leise gleichmässige drehen der Spindel und den kichernden Gesang des kleinen Kobolds:

„Brrrr…Brrrr  Räd‘chen dreh dich, Räd‘chen steh nicht!“

„Es ist gut dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss“.

Wie war das nur schon mit dem kleinen Gnom ? Warum sagte er: „Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“? Es waren die letzten Worte, die meine Gedanken kurz vor dem Einschlafen streiften.

Am nächsten Tag fuhren wir nach einem ausgiebigen Frühstück, wie es in Old Germany  üblich ist, mit viel Wurst, Eiern und Kaffeeim Magen, der Märchenstrasse folgend Richtung Nordosten, liessen diesmal die Stadt des Rattenfängers Hameln links liegen und fuhren, der Landstrassen folgend, nach Hildesheim. Der Marktplatz ist allemal ein Abstecher wert.

Hildesheim wurde 1945 fast komplett zerstört und nach dem Krieg wieder fachgerecht aufgebaut und erstrahlt heute wieder im alten Glanz. Am Marktplatz wurden wir von ein paar wärmenden Sonnenstrahlen empfangen, die uns auf ein Cappuccino im Freien einluden . Ein Handharmonikaspieler sass vor dem Rolandsbrunnen und sang mit einer wunderbaren Tenorstimme, sich selbst begleitend ein paar Lieder quer durch die Oper –,  und Operettenwelt. Wir genossen den Kaffee. Liessen uns auf der sonnigen Terrasse  von den zärtlichen Liedern “Ich hab sie ja nur  auf die Schulter geküsst ……Wien, Wien nur Du allein…“usw, berieseln.

Der Troubadour hatte eine gut ausgebildeten Stimme und begeisterte uns vor der traumhaften Kulisse. Er  brachte es fertig, dass ich meine schmerzende Hüfte in Richtung seines Sammelhutes schob, um mich begeistert von ein paar Euros zu trennen.

Unsere Reise führte uns weiter nach Celle in die die Lüneburger Heide und in die Marzipanstadt

Lübeck. Doch der Wettergott hatte sich schon wieder gegen uns entschieden und es regnete in der Heide wie aus allen Kübeln gegossen. Sämtliche Hotels waren besetzt. Ich sah mich schon, wie einst in jungen Jahren, mit der Liebsten auf dem Autositz übernachten.! 

Offenbar ist die Lüneburger Heide uns  nicht gut gesinnt!  Ist es wohl, weil wir Schweizer nicht in der EU sind?☺☺ Auch die Till Eulenspiegelstadt  Mölln verweigerte uns die Gastfreundschaft und liess uns im strömendem Regen weiter nach einem Nachtlager suchen. Schliesslich wurden wir fündig im Hotel Seeburg in Ratzeburg. Bei einem herrlich frischen *Nüsslersalat (*Schweizerausdruck) (Feldsalat) und  Nudelgericht mit Muscheln und Garnelen konnten wir uns bei den  kulinarischen Köstlichkeiten entspannen und genossen den Abend mit Blick auf den See.

Tief über der Seeoberfläche zogen die Mehlschwalben, nach Nahrung suchend, ihre Kreise. Die Köpfe, vor der Nässe schützend oder aus Langweile  unter dem Flügel versteckt, sassen ein paar Entenpärchen auf dem Schiffssteg herum. Ab und zu die Flügel streckend kamen die Köpfe gelangweilt zum Vorschein. Um mit ein paar trippelnden Schritten auf dem Bootssteg, sich erneut  nieder zulassen und auf Wetterbesserung zu warten.

Trotz des nassen Wetter machten wir  am nächsten Tag einen kurzen Abstecher in die alte Hanse, oder besser gesagt in Thomas Mann’s Buddenbrookstadt Lübeck. Es regnete in Strömen. Wollte der liebe Wettergott  uns auch den Besuch des alten Doms verderben? Tatsächlich sass der Teufel bereits vor dem Eingang des Dom‘s und verlangte noch Eintrittsgebühr für die Besichtigung des historischen Kirchengebäudes. In Anbetracht der wartenden Besucher entschlossen wir uns anders und strebten der Marzipan Confiserie Niederegger zu!

Hier wurden unsere Geschmacksnerven auf das Höchste gereizt und wir liessen uns zum Kauf von Köstlichkeiten, für unsere Jungmannschaft verführen. Der Lübecker Marzipan gilt als der beste auf der ganzen Welt und ist seit hunderte von Jahren durch seine vielfältige Verarbeitung bekannt.

Über die Herkunft des Marzipans erzählt man sich verschiedene Versionen. So soll um 1407 in Lübeck eine Hungersnot gewütet haben. Da kein Korn mehr vorhanden war, trug der Senat den  Bäckern auf von den in den Speichern gelagerten Mandelvorräten ein Brot zu backen. Aus geriebenen Mandeln und Zucker wurde durch fleissige Bäckersgesellen, ein Produkt hergestellt, das dem Nährwert des Brotes gleichkam oder sogar übertraf.

Es gibt mehrere Städte die erheben den Anspruch, dass der Marzipan in ihren Mauern erfunden worden sei.

So weist eine andere Legende auf den Ursprung des Namens hin. Nämlich„ Marci panis“ , was schliesslich Marzipan ergab und der stamme aus Venedig und sei von dort nach Lübeck gelangt. Bewiesen ist nur, das Marzipan schon in der Antike in südlichen Ländern hergestellt wurde und vermutlich durch Reisläufer/ Kaufleuten nach Deutschland gelangt ist.

Es gibt Sprachforscher die glauben, dass der Name von der byzantinischen Münze „Mauthaban“ abzuleiten sei. Was das mit Marzipan zu tun hat entzieht sich meiner Kenntnisse. Lassen wir sie doch weiter streiten und freuen uns darüber dass Marzipan den Gaumen und das Gemüt erfreut !

Ich wiederum nehme auf jeden Fall an, dass die Strassengebühr (Maut) in Deutschland auf die byzantinische Münze zurückzuführen ist und den Transport – und Carunternehmern das Leben nach Lübecker-Art versüsst oder auch versa…..t! Mit der Süssen manchmal leicht bitterlichen Masse, kann man die schönsten Blumen und Tiere zu formen und erfordert viel Handfertigkeit und Geschick.   Mir schmeckt der Marzipan ausgezeichnet. Ob er jetzt geschützt ist  mit und ohne Reinheitsgebot ist mir egal. Für mich ist es ein Erlebnis für Gaumen und Zunge. Und sollte mir noch, ein Rotspon ( ein edler Rotwein) und ein guter Kaffe dazu offeriert werden, kann mir auch der Regen, die gute Laune nicht verderben.

Dem Abendverkehr ausweichend, fuhren wir auf einer Nebenstrassen Richtung Meldorf um im Hotel zur Linde zu übernachten. Leider war da die Reservation verloren gegangen oder nie angekommen. Schlussendlich übernachteten wir im Hotel Garni „Stadt Hamburg“. Das Zimmer sauber, aber  doch nach Zigarettenrauch riechend, lud nicht unbedingt auf einen längeren Aufenthalt ein. Im dem offenbar einzig geöffneten Restaurant der kleinen Stadt,  In der Pizzeria Mama Leone, wurden wir mit italienischem Temperament, vom Besitzer persönlich an den Tisch geführt. Mit viel italienischem Charme, wild gestikulierend überzeugte er uns für seine

„Filettini d’agnello alla mama Lucia“

oder auf deutschfriesisch

*Lendenfilet von der Heideschnucke nach Grossmutterart*

mit Pfifferlingen an einer sämigen Honigsenfsauce.

Die Ladung auf dem Teller hätte das Herz eines kräftigen Seemanns höher schlagen lassen. Schade, das wunderbar „Rosé“  gebratene Fleischstück mit Beilage, wurde auf einem eiskalten Teller serviert, was die ganze Bemühung des Koches schmälerte.

Aus dem Stiefelabsatz Italiens, der Region Lecce stammende Wirt Signore Spennato, musste wohl die Enttäuschung an unseren Gesichtern abgelesen haben. Er bestand darauf, dass wir den „Grappa casalingha“ seiner lieben Mamma unbedingt noch degustieren. Schon war die Flasche, mit einer flinken Bewegung in seine Hand gesprungen,die Gläser gefüllt, in die Höhe gehoben und mit einem kräftigen „Salute“ getrunken. Selbstverständlich liess sich ein erneutes Nachgiessen nicht vermeiden, Wäre ja eine Beleidigung gegenüber seiner Gastfreundschaft gewesen! Dafür durften wir am Schluss noch die Rezepte von Rosmarin-Bratkartoffeln, Bernerrösti und Züri- geschnetzeltes aufschreiben und einen weiteren Besuch versprechen.

Am nächsten Tag steuerten wir unserem Ziel Tönning entgegen, nicht ohne den Städtchen Brunsbüttel ( mit den Schleusen des Nord-Ostsee –Kanal, Marne an der ehemaligen Reichsstrasse 5 (heute Bundesstrasse 5) und Heide einen kurzen Besuch gemacht zu haben. Die auf dem Marschland ( dem Meer abgerungenen Boden) liegenden Städtchen verloren trotz des anhaltenden Regens nicht ihren Reiz und Anmut.

Es ist anfangs Mai und kalt! Der Aussenthermometer zeigt 6°C an. Sturmböen fegen über die Fahrbahn.

Durch die Regenschwaden vermeint man ab und zu einen Reiter in dunklen Mantel auf einem weissen Gaul, über die durchtränkten Felder galoppieren zu sehen. Ist es der Schimmelreiter, der uns begleitet?

Wir freuen uns auf unsere warme Unterkunft in „ Uns Huus“. Gemäss Unterlagen unseres Vermieters ist das Haus erst ab 15:00 Uhr zur Übernahme bereit. Wir haben genügend Zeit um die nordfriesische Küche zu erkunden. Was wir auch tun wollen

23.05./ 12:00h machen wir  im alten Hafen von Tönning direkt vor der Tür des Hotels zum goldenen Anker die Leinen fest. „ Klaar Schipp und rein in die *Gutt Stub". Oder wie die Landratten sagen:“ Schlüssel drehen und ab in die warme Stube!“

Oooooch ,wie haben wir uns auf die Fischplatte gefreut.

Eine hübsche Blondine mit nordfriesischem Akzent begleitet uns an einen schmucken einladenden Tisch. Überreicht uns die Speisekarte und zückt das Notizbuch.

Die abwechslungsreiche Reise hat uns durstig gemacht, wir bestellen ein Pils natürlich nach deutschem Reinheitsgebot gebraut . Nach einer Geduldszeit von ungefähr 6 Minuten wurde mit einer sanften eleganten Bewegung die Königin der tschechischen-bayerischen Braukunst vor uns hingestellt.

Ach, wie macht doch unser Herz ein Freudensprung! Schon der Anblick der weissen Haube  die thronend auf dem Haupt des edlen Saft’s sass, liess uns den ersten Schluck genussvoll erahnen.

In keinem Land der Welt, wird einem Getränk so viel Aufmerksamkeit  geschenkt, wie in Deutschland und das ganz besonders beim Ausschank. Ein Bier braucht die ganze Aufmerksamkeit des Braumeisters von der Maische bis zum Ausschank. Einmal aus der Enge des Fasses befreit verlangt es im Glas eine kurze Ruhe um sich mit Sauerstoff zu sättigen. Als Belohnung wird dem Gast eine goldige Adlige mit einer Krone aus weichem sämigen Schaum vorgesetzt. Wir stossen an und geniessen das zarte eintauchen unserer Lippen in den weichen Schaum, lassen den ersten Schluck sanft prickelnd durch unseren Gaumen gleiten. Mit einer wohltuenden Kühle erfrischt der Flensburger-Gerstensaft unser Gemüt und lässt uns das schlechte Wetter vergessen. Ein hervorragendes Bier mit viel Liebe serviert!                            

Mit dem Gesang der Möwen in den Ohren und der Seeluft in der Nase, entscheiden wir uns für Fische. Die Fischpfanne vom goldenen Anker sorgt für eine Überraschung.

Lachs, Scholle, Rotbarsch, Muscheln Krabben an einer wunderbaren Safransauce, umrahmt von einem Trockenreis. Meine Frau hat Rotbarschfilet mit Krabben, serviert mit Salzkartoffeln dazu eine milde Krabbensauce.

Es schmeckte hervorragend! Aber leider wurden die heissen Speisen auf eiskalten Tellern serviert. Schade, für den Aufwand und die perfekte Zubereitung in der Küche. Leider wird in Deutschland, dem warmen Service oft zu wenig Beachtung geschenkt. Das Serviertuch, in der französischen Fachsprache auch Tochon genannt kennt man im Land der Germanen kaum. Es handelt sich um ein kleines zusammen gefaltetes Tüchlein, das man sorgfältig über die Hand zum Unterarm legt um die warmen Teller zum Gast tragen zu können.

Gemäss Mietvertrag konnten wir „ Uns Huus“ erst ab 15:00 beziehen und so genossen wir die Ambiente im Hotel goldener Anker. Kurz nach 14:00h bemühten sich ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und erwärmten den trüben Tag. Ein kleiner Verdauungsspaziergang im Hafen liess die Zeit im Nu vergehen. Um 15:00h bezogen wir Quartier in  „Uns Huus“ und freuten uns nach den nassen Tagen auf die warme Stube. Das Thermometer zeigte weiter auf der Skala 6°C an. Wir freuten uns auf die Warme Stube. Dank der hervorragend zusammen gestellten Informationen von Hildegard und Jürgen Kullmann, fanden wir den Schlüssel. Wie schon beim ersten Besuch in Tönning, erwartete uns in der guten Stube eine Flasche Rotkäppchen und das kleine Buch vom Theodor Storm der Schimmelreiter als Begrüssungsgeschenk. Da wir schon beim letztenmal von Kullmann’s ein Buch geschenkt erhielten, werden wir das Exemplar für andere Gäste zurück lassen.

Nach sorgfältigem durchlesen der Betriebsanleitung, setzte ich die Heizung in Gang. Nachdem ich auch noch dem Schwedenofen eingeheizt hatte bereitet sich in dem sehr sauber geputzten Haus die Gemütlichkeit aus.  Wir genossen den Abend vor dem flackerndem Feuer. Glitzernd blitze uns im Feuerschein das  Rotkäppchen in den Gläsern an.

Ein ganz herzliches Dankeschön an Kullmann’s!

Nach den anstrengenden Tagen schliefen wir, wie die sieben Zwergen, in den wohligen Betten bis in den nächsten Morgen hinein. Der Morgen war Regen frei. Wir wollten zu dem im Dorf ansässigen Optiker um mir eine Neue Brille anfertigen zu lassen. Soll ja billiger sein als bei uns.  Ich benötige eine Neue, also worum nicht gleich hier in Tönning. Zu Fuss begaben wir uns von der Deichstrasse durch den Herrengraben in Richtung Stadtmitte. Der ohrenbetäubende Lärm der Dorfkrähen aus dem Schlosspark begleiteten uns auf dem Weg .  Beim Haus der Frau Blümlein hielten wir Ausschau nach unserem Entenpärchen Elke & Hauke. Die uns noch von unserem letzten Besuch in Tönning in Erinnerung geblieben sind.

Beim Optiker liess ich mir die Augenstärke ausmessen und ein Kostenvoranschlag machen. Da die Wettervorhersage für die kommenden Tage keine Besserung in Aussicht gestellt hatten und die Temperaturen auch nicht auf Badewetter hindeuteten beschlossen wir unseren Brennholz Vorrat aufzubessern. Wir machten uns auf die Suche nach Brennmaterial für den Ofen, was um diese Jahreszeit gar nicht so leicht war. Nachdem wir in  Tönning  Tankstellen und  die Einkaufszenter abgeklappert hatten, ohne Erfolg, beschlossen wir unser Glück in Husum zu versuchen. Und hier wurden wir fündig. Aber der Wettergott spielte mit uns, liess die Sonne scheinen als hätte der Sommer erst begonnen.

Nun die Altstadt mit den schönen engen Gassen lud zu einem Bummel ein. Der Blick von den hohen alten Giebelhäusern fasziniert, wehte uns ein frischer Nordseewind in den engen Gassen entgegen. Die mittelalterlichen Kneipen im Hafen luden uns zu einem Bier mit Krabbenbrötchen ein. Husum war im 16. Jahrhundert eine wichtige Handelsstadt und enorm wichtig für die Holländer. Besonders der Verkehr zwischen Husum und Flensburg öffnete Ihnen das Tor zur Nord und Ostsee.

In Jahre 1852 wurden mehrere Strassenzüge der Stadt durch eine verheerende Feuersbrunst zerstört. In der Hohlen Gasse, nicht zu verwechseln mit der Gasse aus der Sage von Friederich Schillers Wilhelm Tell, sondern in Husum, blieben noch einige Häuser erhalten und bilden  das heutige Strassenbild. Die Gemütlichkeit der kleinen Stadt nahm uns ganz in ihren Bann und wir genossen den Nachmittag in vollen Zügen. Fast hätte es zu einem Sonnenbrand gereicht J Auf der Rückfahrt besuchten wir zwischen Simonsberg und Witzwort den roten Haubarg. Die Carunternehmen waren an diesem Tag auf Schlechtwetter und „Indoor Events“ programmiert und ein Besuch der angegliederten Gaststätte hätte nur unter dem Risiko „ erdrückt  zu werden“ zum Erfolg führen können. So liessen wir davon ab und fuhren bei wieder eintretendem Regen nach Tönning. Schnell kauften wir noch in Tönning ein paar Lebensmittel ein. In unserer gemütlichen Wohnung zauberte meine Käthy ihre berühmten Spaghetti an einer herrliche Tomatensauce auf den Tisch.  Wir genossen den Abend an unserem Lagerfeuer  bei einem Glas Wein und einer Lekture aus der Bibliothek. Auf anraten von Jürgen Kullmann versuchte ich noch den Kontakt mit Holger Asmus aufzunehmen. Leider kam immer der Anrufbeantworter. Ich hinterliess meine Rufnummer und mein Anliegen mit dem Wunsch er möchte sich doch melden. Laut Jürgen soll Holger Asmus ein Kenner der Krabbenfischerei sein und mir die nötigen Kenntnisse vermitteln können.  Da wir keine Antwort erhielten mussten wir annehmen, dass der Unternehmer in den Ferien weilt.  Die Wohnung von Holger war nur ein paar Schritt von unserer Wohnung. Ich versuchte es am nächsten Tag persönlich. Leider ohne Erfolg. So beschlossen wir, in Anbetracht der schlechten Wettervorhersage, dass Krabbenprogramm zu streichen. Die nächsten folgenden Tage genossen wir bei kleinen Spaziergänge auf dem Damm und in der näheren Umgebung.

Freitag 31.05.13 Heute machen wir ein Landausflug nach Kappeln an der Schlei.

Das kleine Städtchen  wurde durch den Film Der Landarzt berühmt  als Dorf Deekelsen und soll landschaftlich sehr schön an der Kieler Bucht liegen. Also nichts wie hin! Von Tönning fuhren wir Richtung Friedrichstadt, Norderstapel , Kropp durch den Hüttener Naturpark Eckeförde entlang der Küste nach Kappeln. Sehenswert die Holländer Windmühle Amanda erbaut 1888 und das Rathaus. Eindrücklich die neue Schleibrücke, kann in der Mitte für den Schiffsverkehr gehoben werden kann.

Das Wetter macht mit und wir dürfen sogar ein paar Sonnenstrahlen begrüssen. In einer reizenden Hafenkneippe wollen wir uns ein Essen leisten, verzichten aber darauf weil am Nachbartisch geraucht wird und wir uns den Appetit nicht durch den Rauchgestank verderben lassen wollten. Wir verlassen das reizende Städtchen und fahren auf der Küstenstrasse 199 Richtung Flensburg um anschliessend auf der 200 nach Husum und Tönning zu gelangen.

Im Restaurant zum goldenen Anker geniessen wir endlich ein herrliches Fischgericht.

Auch Friedrichstadt das kleine Städtchen mit dem holländischem Charme hat uns sehr gut gefallen. 

Im alten Gerichtsgebäude, heute ein Kaffee, habe ich wohl einer der besten Kuchen gegessen und das für nur 2 Euro.

Erbaut wurde Friedrichstadt durch Herzog Friedrich III  im Jahr 1621. Um seine Handelsbeziehungen mit den Dänen  und Spanier aufrecht erhalten zu können, holte er aus  Holland, durch ein Religionsverbot belegt,  Mennoniten und Remonstranten ins Land und versprach ihnen Glaubensfreiheit. Sie errichteten Häuser und Grachten nach holländischem Stil. Als Holland 1630 das Verbot aufhob zogen viele Familien wieder zurück in ihre alte Heimat.1850 wurde die Stadt fast zu zweidrittel durch Schleswig - Hollsteinische Truppen zerstört. Trotz der Zerstörung blieb Friedrichsstadt bis heute dem holländischen Stil treu. Besonders schön sind die zusammenhängenden Kaufmannshäuser an der Westseite des Marktplatzes. Staunend läuft man über die Pflasterstein belegten Strassen und Gehsteige. Ab und zu erblickt man eine Messingplatte vor einem Haus mit einem Namen versehen, die uns auf die jüngste schreckliche Vergangenheit, des zweiten Weltkriegs, in Erinnerung ruft:

“ Hier wohnte *Mosche Dreyfuss in Auschwitz 1943 ermordet usw.“(*Name frei erfunden) Unweigerlich denkt man an Anna Franck und die vielen Opfer. Voller Eindrücke verlassen wir das reizende Städtchen und fahren Richtung Schwabstedt  einstiger Bischofssitz, von dort nach Wisch Westerkoog in der Südermarsch . Zurück in Tönnig zum Krabbenbrötchen essen und eine Wanderung entlang der Eider. Der Regen treibt uns wieder zurück an die Deichstrasse. Am nächsten Tag fahren wir nach Sankt Peter Ording und promenieren über die Dünenpromenade. Essen an einem Fischshop eine Kleinigkeit und verbummeln die Zeit mit Shopping.

Bei unserem Sontagsspaziergang finde ich an der Uferpromenade in Tönnig unter einer Sitzbank ein Nokia Handy.

Nach mehreren Versuchen die Besitzerin zu ermitteln, konnten wir das verlorene Objekt an die

Junge Frau zurück geben. Sichtlich erleichtert wieder im Besitz des gesuchten Gegenstandes radelte die junge Dame ins Städtchen zurück.

Trotz des miesen Wetters genossen wir die Ferien in „ Uns Huus“ in vollen Zügen. Machten Ausflüge nach Flensburg, Tonder Dänemark, wo wir übrigens die besten Sandwich’s gegessen haben. Schon das Brötchen war ein Meisterwerk der Backkunst. Bei einem zartes Pouletbrüstchen umringt von frischen Salaten genossen wir den sonnigen Nachmittag auf der Terasse des Café’s Zollhaus.

02.06. Ein langersehnter Wunsch ging in Erfüllung, ein Besuch der Kielerförde. Diese Bucht wollte ich seit Jahren besuchen und trotzdem kam ich nie dazu. Hier werden die grössten Regattas  Europas ausgeführt. Als ich dann noch ein Zweimaster mit dem Namen Nils Randers unter Vollzeug sah, kam mir wieder das Gedicht von Otto Ernst aus meiner Schulzeit in den Sinn.

Ich zitierte an der Kielerförde frei aus dem Stegreif die berühmten Zeilen. Meine bessere Hälflte staunte, dass ich nach so vielen Jahren das Gedicht noch in Erinnerung hatte:

Otto Ernst 1862-1925

Nils Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man‘s gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich‘s der Abgrund.

Nils Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen."

Da faßt ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!"

Nils tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
"Und seine Mutter?"

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern ...! Nein, es bliebt ganz ...!
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen! - -

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreits durch die Hand:
"Sagt Mutter, 's ist Uwe!"

Das Gedicht durfte ich am Schulexamen 1955 vortragen und habe es bis heute nicht vergessen.

03.06. In Friedrichskoog

Wir  besichtigten  die Seehundstation und liessen uns von den gewandten Schwimmern beeindrucken. Hier werden verletzte oder aufgefundene Heuler gepflegt um dann wieder in der Freiheit ausgesetzt zu werden. Entlang der grünen Küstenstrasse fahren wir hinauf nach Büsum Wesselburen  nach Garding und geniessen die wunderbare Landschaft trotz abwechselnder Wolkenbrüche.

04.06.  Besuchen wir den Westerheven Leuchtturm. Der Leuchtturm ist ein See- Quermarken Leitfeuer mit einer Höhe von 41 Metern und einer Tragweite von 21 Seemeilen rund 39 Kilometer.
1 Nautische Meile 1852 m.

Erbaut auf einer aufgeschütten 4 Meter hohen Warft 1906. Kennung 15 Sekunden mit 3 Unterbrechungen 1 Sek. dunkel, 2 Sek. hell, 1 Sek. dunkel, 2 Sek. hell, 1 Sek. dunkel und 8 Sek. Hell. Essen in einem alten Reethaus Gaststätte eine deftige Mahlzeit mit Schälkartoffeln,Heringe und Siedfleisch.    

Das Wetter „klaart“ ein wenig auf und wir fahren entlang dem Wattenmeer nach Slatterack Uelvesbüll.

In der Nähe von Uelvesbüll halten wir an um die Füsse zu vertreten und die schöne Küstenlandschaft zu geniessen. Ein alleinstehender verwahrloster Haubag(alter Bauernhof) weckte unsere Neugier. Beim näher treten machte sich Mister Langohr aus dem Staub und hoppelt in gemächlichem Tempo Richtung Watt. In meinen Gedanken schlägt er den falschen Weg ein statt sich ins nahe Gestrüb zu begeben  läuft  er im gemächlichen Zick-Zack Kurs Richtung Watt. Nun bei den Sielen oder am Watt wird sein Lauf so oder so zu Ende sein und er wird sich einen andern Weg suchen müssen. Ich hole ich mein Seeglas Steiner Commander aus dem Auto und suche den Flüchtigen an der Küste. Am Strand finde ich den Ausreisser wieder, hoppelnd nähert er sich einem kleinen Wattensee, eingekeilt von zwei Landzungen streicht er sich am Rande des Gewässers  mit der Pfote über den Aeser und Augen, schaut zu den neugierigen Schafen, schüttelt seine Kopf und lässt die Löffel um den Kopf fliegen.  Meine Augen spielen mir einen Streich, ich kann es fast nicht glauben, er steigt in die Wattensee und schwimmt gemächlich mitten durch das tiefe Wasser auf die andere Seite, verfolgt von den gelangweilten Blicke der Heideschnucken.

Angelangt auf der anderen Seite lässt er sich das saftig grüne Gras schmecken als sei es die einfachste Sache der Welt für ein „Bunny“ den See zu durchqueren. Gemächlich zog ein Seeadler seine weiten Kreise über der Landschaft,  liess ab und zu einen schrillen Schrei ertönen.

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie ein schwimmenden Hasen gesehen, obschon doch meine Heimat früher als das Hasenreichste Gebiet der Schweiz galt, habe ich nie von einem Jäger gehört das Hasen Flüsse oder Gewässer durchqueren. Hätte meine Begleiterin nicht die selbe Beobachtung gemacht müsste ich annehmen einer Halluzination unterlegen zu sein. Ja, die Natur hat immer wieder Überraschungen bereit! Schade nur, dass ich keine Kamera zu Hand hatte!  

Die Wettervorhersagen  am Abend waren weiterhin schlecht und wir beschlossen unsere Rückreise früher anzutreten. Denn wir wollten noch das „Das alte Land“ bei Hamburg besuchen und dann nach Emden in Richtung Niederlanden.

Ich besuchte am nächsten Morgen noch einmal den Fischladen am alten Hafen und liess von mir von einer charmanten Fischerin alles über den soeben eingetroffenen Fang erzählen. Beeindruckt von ihrem grossen Fachwissen, zeigte  sie mir noch wie man Krabben puhlt. Bei der Fingerfertigkeit der Fischerbraut kam ich ins Staunen, was  so leicht schien, forderte meine ganze Konzentration. 

Man nimmt die Krabbe am Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger und hält sie fest ohne  zu zudrücken. Mit der andern Hand fast man den Hinterteil und dreht ihn sorgfältig bis der  Panzer bricht und zieht die hintere Schale sorgfältig ab. Vorsicht nicht zu fest drücken und die Schale nicht wegwerfen! Warum wohl …? Wird verwendet für die Hummerbutter / Krabbenbutter Man röstet die Schale ganz leicht im Ofen zerstampft sie und gibt ca. 1 kg. Schale in einen Topf mit 1 bis 2  Liter Wasser und 1 kg Butter dazu, kocht alles zusammen ca.1 Stunde auf mässigem Feuer auf und siebt die gewonnene Flüssigkeit ab. Am besten mit einem Passiertuch oder Spitzsieb. Den Fond kocht man noch kurz auf und lässt ihn im Kühlschrank über Nacht stehen. Am nächsten Morgen nimmt man sorgfältig die hart gewordene Butter oben ab und schon hat man die beste Hummerbutter für eine Fischsauce oder Bisque de Homard.  Den Rest des Sudes verwendet man  als „Fumet des Crabes“ oder für eine Fischsuppe.

Nach dem wir unsere Wohnstatte einer gründlichen Reinigung unterzogen haben und die Betten abgezogen  verlassen wir „Uns Huus“ mit einem wehmütigen Gefühl. Adieu du Stätte der Gemütlichkeit im Land des Schimmelreiters, es war trotz des miesen Wetter schön.

Unser Ziel ist das „Das alte Land“ bei Hamburg und dann der Störtebekerstrasse entlang Richtung Emden, Norden, Greetsiel mit einem Besuch auf der Insel Norderney.  Ein Abstecher nach Amsterdam und dann nach Hause.

CCCB